Krähen

Sine hasst Krähen. Ich hasse Krähen, denkt Sine, während der Vogel ihren Apfel auf seinen Schnabel spießt und Sine weiterhin hungrig ist. Weil sie hungrig ist, wollte sie den Apfel essen, der ihr, kaum dass sie einmal hinein gebissen hatte, aus der Hand auf den Parkweg fiel, dort, wo die Abzweigung zum Teich ist. Sie hätte den Apfel aufgehoben und weiter gegessen, nur einen Moment war sie abgelenkt gewesen, hatte auf das Geschrei, von Kindern oder jungen Frauen, gehört, ihren Kopf umgewandt, da hatte sich die Krähe bereits den Apfel und Sine, die denkt, sie hasse Krähen, sich nicht entschließen können, dem schwarzgefiederten Vieh den Apfel, da es sich schon erhob, flatternd seine Flügel und fort flog mit dem Apfel, dem einzigen, den Sine hatte auftreiben können, ich hasse Krähen, murmelt sie, während sie zum Teich schlurft, denn dort, vielleicht, läge ein wenig altes Brot, das die Enten, wer weiss, übersehen hätten.

verlassen

Flog davon, was machte es schon, dass ich zurückblieb. Kannte nichts als die kälteren Tage, wenn nicht nur der Regen, sondern die Spinne im Fensterrahmen. Lag auf dem Teppich, beerntet und abgemäht. Versickerte. Sprach stumme Verse, strich Watte. Schwebend zwischen Wänden. Wiederkehren wird, herzfrei in Traubenschimmer, der Flügel vager Schlag.

Kapsel

Die Kapsel ist weiß. So weiß wie viele der Kapseln und Tabletten, die ich bereits in meinem Leben geschluckt habe. Manchmal waren auch rote dabei, selten welche in anderen Farben. Am häufigsten kommt das Gesundmachen jedoch in Weiß.

Die kleine weiße Kapsel liegt auf dem Schreibtisch neben der Tastatur. Ich werde sie einnehmen, sobald ich diesen Text beendet habe. Sie wird meine letzte Kapsel sein. Zu viele habe ich in den vergangenen Tagen und Wochen geschluckt, sie können mir nicht mehr helfen. Fürchte ich mich vor dieser letzten? Ja, ich fürchte mich. Ich fürchte mich vor dem Moment, in dem ich mein Bewußtsein verliere. Das ist der Moment, in dem ich aufhören werde zu existieren. In dem ich verschwinde. Ich will nicht verschwinden. Ich will auch morgen wieder meine Augen öffnen und sehen, ob –

die Schmerzen machen mir selbst das Denken zur Qual. Sie werden stärker werden. So lautet die Prognose, die mir noch wenige Wochen gibt, doch wie lange dauert auch nur ein Tag in der Schmerzhölle?

Die Kapsel liegt noch auf meinem Schreibtisch, neben der Tastatur. Noch kann ich sitzen, morgen vielleicht schon nicht mehr. Die Kapsel wird mich nicht gesundmachen. Sie wird das Unvermeidliche beschleunigen.

So weiß ist sie.

Traurigkeit

Eine Traurigkeit, leicht wie ein Gedanke, schwebt über dem Tag. Nicht der Regen lässt sie entstehen, noch das einsame Gurren der Taube. Allein deine geschlossenen Augen sind es, Augen, aus denen keine Träne mehr rinnt, Augen, die nicht mehr lachen, sprechen, singen. Augen, die verstummt sind. So schweigen wir denn.