Kapsel

Die Kapsel ist weiß. So weiß wie viele der Kapseln und Tabletten, die ich bereits in meinem Leben geschluckt habe. Manchmal waren auch rote dabei, selten welche in anderen Farben. Am häufigsten kommt das Gesundmachen jedoch in Weiß.

Die kleine weiße Kapsel liegt auf dem Schreibtisch neben der Tastatur. Ich werde sie einnehmen, sobald ich diesen Text beendet habe. Sie wird meine letzte Kapsel sein. Zu viele habe ich in den vergangenen Tagen und Wochen geschluckt, sie können mir nicht mehr helfen. Fürchte ich mich vor dieser letzten? Ja, ich fürchte mich. Ich fürchte mich vor dem Moment, in dem ich mein Bewußtsein verliere. Das ist der Moment, in dem ich aufhören werde zu existieren. In dem ich verschwinde. Ich will nicht verschwinden. Ich will auch morgen wieder meine Augen öffnen und sehen, ob –

die Schmerzen machen mir selbst das Denken zur Qual. Sie werden stärker werden. So lautet die Prognose, die mir noch wenige Wochen gibt, doch wie lange dauert auch nur ein Tag in der Schmerzhölle?

Die Kapsel liegt noch auf meinem Schreibtisch, neben der Tastatur. Noch kann ich sitzen, morgen vielleicht schon nicht mehr. Die Kapsel wird mich nicht gesundmachen. Sie wird das Unvermeidliche beschleunigen.

So weiß ist sie.

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4 Kommentare zu „Kapsel

    1. Eine der Fragen, die ich mir auch gestellt habe. Nicht jedes Thema ist gleichermaßen schön. Sanguine von Kritzelbuch (http://becauseimdeadinside.com/2015/08/11/wie-schreiben-andere/) hat gestern in einem post gefragt, wie andere ihre Texte schreiben, ob sie entsprechende Emotionen entwickeln usw. Als Selbstversuch habe ich diesen Text geschrieben. Und nein, er hat mich nicht traurig gemacht. Und ja, ich habe ihn überlebt 😉
      Was einem an dem Text gefallen könnte? Zum Beispiel seine literarische Qualität, dass er überzeugend klingt, dass er bloße Fiktion ist.

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  1. Der Text ist sehr eindringlich, kommt mir als Leser näher, als mir das lieb ist und greift in meine Auseinandersetzung mit dem selbstbestimmten Sterben ein, indem er auf sehr persönliche Art klar macht, dass auch der erlösende Tod eben der TOD bleibt, der Angst macht.

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    1. Auch wenn es beängstigend ist, gehört die Auseinandersetzung eben mit der Angst auch zur Auseinandersetzung mit selbstbestimmten Sterben. Und sie ist durchaus vielschichtig. Ich denke, zum einen schützt uns die Angst vor dem Tod, aktiviert uns, unser Leben zu erhalten. Zum anderen können wir uns fragen, wovor genau(er) wir Angst haben – etwa davor, nicht mehr zu sein, oder vor den Schmerzen, die das Sterben mit sich bringen kann, oder die letzten Momente des Bewußtseins, in denen wir die Entscheidung vielleicht doch zurücknehmen wollen, es aber nicht mehr können, oder … ?
      Vielleicht können wir mit der Angst besser umgehen, wenn wir besser verstehen, wovor wir Angst haben.

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